Der Tag, über den niemand spricht.
Nicht der Karfreitag — der hat seine Dramatik, seine Bilder, seine Wucht. Nicht der Ostersonntag — der hat seine Verheißung, seine Botschaft, seine Kraft.
Karsamstag ist der Tag dazwischen. Der Tag, an dem die Urchristen nicht wussten, was sie wissen sollten. An dem das Alte unwiderruflich vorbei war. Und das Neue noch nicht eingetreten.
Ich glaube, wir leben gerade alle in einem langen Karsamstag.
Als Führungskräfte. Als Gesellschaft. Als Europa.
Die Welt des langen Friedens, der offenen Märkte, der transatlantischen Verlässlichkeit, der Gewissheit, dass Regeln gelten und Institutionen tragen: Diese Welt existiert in dieser Form nicht mehr. Karfreitag hat stattgefunden. Mehrfach.
Russlands Krieg in der Ukraine hat eine Epoche beendet. Die neue amerikanische Politik hat eine weitere Gewissheit erschüttert. Deutschland sucht nach einer sicherheitspolitischen Identität, die es sich jahrzehntelang nicht zugemutet hat.
Und in den Führungsetagen spüre ich, was ich auch gesellschaftlich beobachte: eine tiefe Erschöpfung durch Gleichzeitigkeit. Zu viele Zäsuren auf einmal. Zu viele alte Narrative, die nicht mehr tragen. Zu wenige neue, die man wirklich glauben kann.
Das ist Karsamstag. Die Stunde, in der die Frage offen ist.
Was bleibt, wenn das, woran man geglaubt hat, nicht mehr da ist? Was hält, wenn die Sicherheiten wegbrechen?
Als Christ weiß ich, dass nach dem Karfreitag der Ostermorgen kommt. Diese Gewissheit trägt. Aber sie beantwortet nicht die Frage des Karsamstags: Was ist meine Aufgabe heute, in dieser Zwischenzeit? Was bedeutet Verantwortung, wenn die Zukunft noch nicht sichtbar ist?
Ich glaube, das ist die eigentliche Führungsfrage unserer Zeit.
Nicht: Wie erkläre ich den Wandel?
Sondern: Wie führe ich Menschen durch den Karsamstag — durch die Zeit, in der das Alte vorbei ist und das Neue noch nicht greifbar?
Führung im Karsamstag bedeutet nicht, den Ostersonntag zu versprechen, den man selbst noch nicht sieht. Das wäre Illusion. Und Menschen spüren Illusionen.
Führung im Karsamstag bedeutet, die Zwischenzeit zu gestalten. Auszuhalten, ohne zu verschweigen. Orientierung zu geben, ohne zu lügen. Den Raum zu halten, in dem Menschen die Unsicherheit tragen können, ohne zu kollabieren.
Das ist keine kommunikative Technik. Das ist Haltung. Und Haltung ist das, was den Unterschied macht zwischen Führung, die trägt — und Führung, die nur verwaltet.
Der Ostermorgen kommt. Davon bin ich überzeugt, als Christ, aber auch als jemand, der Transformationen kennt.
Aber er wächst dort, wo jemand den Mut hat, im Karsamstag nicht wegzuschauen, sondern genau dort Verantwortung zu übernehmen.
Ich wünsche Ihnen/Euch ein gesegnetes Osterfest. Und die Kraft für das, was zwischen Karfreitag und Ostermorgen von uns gefordert wird.






